Über das Erzählen

von Martin Rohrmann
(Vortrag auf den bundesweiten 
Jugendmedientagen, Auszug)



Die oft gehörte Aussage: "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" ist großer Unsinn. Mit Tausend Worten bricht ein guter Autor alle Himmel und alle Untiefen auf und vermittelt so viel mehr als ein einzelnes Foto (dieser bescheidene Artikel hat übrigens 647 Wörter). Wahr ist: Ein Foto erzählt anders als Tausend Worte. Ein Text kann alles, was ein Foto kann - nur ein Foto kann es unmittelbarer und wie ein Schlag gerichtet. Ein Foto verhindert, dass der Betrachter seine Gedanken filtert; ein Foto wird mit einem Blick erfasst und spiegelt in Bruchteilen einer Sekunde das Innerste desjenigen, der das Bild betrachtet. Das Foto somit Macht hat, die Seele des Betrachters im Bruchteil einer Sekunde hervorzuholen, sie auf ihn einstürmen zu lassen, ohne dass er sich wehren kann. Man betrachtet ein Bild und in diesem Moment, in diesem Wimpernschlag, empfindet man sein eigenes Gut und Böse, sein Mitgefühl, seine Abneigung, seinen Hass und seine Freude; alles Finster, alles Licht. Ungefiltert. Kurzum: Bei der erstmaligen Betrachtung eines Fotos kann der Betrachter seine Empfindungen nicht steuern. Ein Text hingegen entfaltet und entwickelt sich beim Lesen, der Leser kann das, was er liest, länger formen. Tausend Worte sagen mehr als ein Foto - aber das, was ein Foto sagt, sagt es mit einem Nadelstich. 

Reportagefotografen erzählen Geschichten - und man kann nicht erzählen, wenn man nichts zu erzählen hat. Mit dem "nichts zu erzählen haben" mein ich nicht, dass um einen herum nichts passiert. Neben einem können Außerirdische landen und ein Zirkuszelt aufbauen - wenn man als Fotograf nichts zu erzählen hat, sondern nur Fotos macht - sprich, auf den Auslöser drückt, werden diese Fotos reines Infomaterial für Bildagenturen. Wie ein Roman eine Handlung hat, ist es einzig die Erzählweise, die die Handlung trägt. Handlung hat nichts mit Erzählen zu tun, aber jede Handlung braucht ihre Erzählweise: "Anna ging in die Küche, kochte ein Ei und drehte die Heizung höher" - das ist Handlung. Dann passierte das, dann das, dann jenes ... - ohne Erzählkunst bleibt Handlung nur Zweck und Effekt und unpersönlich. Es können die größten Dinge passieren und man kann selbst mitten im Geschehen sein - ist man unfähig zu erzählen und Handlung in eine Form zu setzen, ist es wie mit fruchtbarem Land, in das man Plastikpflanzen pflanzt.

Mir ist ein erzählerischer Charakter der Fotos sehr wichtig. Dass die einzelnen Fotos einer Geschichte, beziehungsweise einer Serie aufeinander aufbauen; dass sich durch das Nebeneinander der Fotos eine möglichst intensive Verdichtung gleich einer Collage ergibt. Daher wähle ich auf dieser Internetseite das enge Nebeneinander der Bilder; man sieht das "große Ganze" bevor man die Einzelbilder im Detail betrachtet. Das Gefühl (so hoffe ich zumindest) ist beim Betrachter schon durch die Vorschaubildchen da, noch bevor man die Bilder in der Großansicht aufruft.

Eine Geschichte zu fotografieren und eine Geschichte zu schreiben ist sehr ähnlich. Atmosphäre, Geheimnis, Lebendigkeit - dem Betrachter oder Leser ein Gefühl zu geben für den Ort, die Zeit, die Menschen an diesem Ort. Sich persönlich und tief in Themen und in andere Menschen hineinzuversetzen - das ist die Kunst. Man muss sich unsichtbar machen, in ein Geschehen einfügen und trotzdem der Beobachter und Erzähler mit der Kamera bleiben. Unsichtbar ja, Verschwinden nein - das ist wichtig. Sich unsichtbar zu machen und zu verschwinden ist ein großer Unterschied. Man sollte das, was vor der Kamera passiert, die Handlung, nicht aktiv beeinflussen oder verändern. Wenn Anna (vgl. oben) ein Ei kocht, dann kocht sie ein Ei. Unspektakulär, langweilig - aber sie tut es nun mal. Doch würde es nicht einiges über Anna aussagen, ob sie viel Wasser nimmt um das Ei zu kochen, oder ob sie sparsam nur etwas Wasser in den Topf gießt? Ob sie das Ei behutsam auf den Boden des Topfes legt, oder ob sie das Ei in den Topf fallen lässt und dabei riskiert, dass die Schale bricht? Das ist Erzählen. Und erst der Erzähler, der Fotograf, macht Handlung berührbar, spürbar - und wandelt Handlung zu Geschichte.


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