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Das Sehen von
Realität und Störung

von Martin Rohrmann


Über 150 Jahre lang hatten Fotografen nicht die Möglichkeit, ihre Bilder unmittelbar nach der Aufnahme auf einem Kameradisplay zu überprüfen und Belichtungseinstellungen direkt vor Ort korrigierend abzugleichen. Man beherrschte die Wechselwirkungen von Licht, Zeit, Blende und Filmempfindlichkeit. Der kontrollierende Blick auf ein Kameradisplay war über 150 Jahre lang nicht nur unmöglich – sondern auch nicht nötig.

Heute kontrollieren viele Fotografen jedes einzelne Bild, kaum dass es gespeichert ist, auf ihrem Kameradisplay. Es ist geradezu ein Zwang, unverzüglich sicherzustellen, dass das aufgenommene Bild dem entspricht, was der Fotograf sich erhofft. Es heißt, man müsse doch die Belichtung prüfen, kontrollieren, ob das Bild scharf ist und das Histogramm korrekt verläuft – dies ungeachtet hochpräziser Autofokus-Systeme und ausgefeilter Belichtungsmesser. Manche Fotografen blicken nach der Aufnahme länger auf die Kontrolldisplays ihrer Kameras, als während der Aufnahme durch den Sucher selbst.

In meiner Freizeit spiele ich Klavier. Manchmal vergleiche ich das Klavierspielen mit dem Fotografieren: Kein Pianist käme auf die Idee, sich während seines Spiels jeden Takt, kaum dass er verklungen ist, auf Band anzuhören – dies würde langfristig die Entwicklung jeglicher Musikalität verhindern. So sind auch das Fotografieren und das Kontrollieren des Bildes zwei gänzlich gegensätzliche Tätigkeiten, die, wenn sie zeitgleich ausgeführt werden, auf fatale Weise miteinander kollidieren. Entweder man fotografiert oder man kontrolliert.

Und keine Frage: Fotografien sollten kontrolliert und bewertet werden, nicht aber unmittelbar auf dem Kameradisplay, sondern auf dem Computermonitor oder dem Leuchtpult; dann, wenn das Geschehen geschehen ist, die zu portraitierenden Personen verschwunden und Lichtstimmungen unwiederbringlich verloren sind. Zweifellos gibt es Ausnahmen. Situationen, in denen vor Ort Einfluss auf das Motiv genommen werden muss und daher häufige Blicke auf das Display unvermeidbar sind: Komplexe Studioausleuchtungen oder Lichtaufbauten sind zwei Beispiele. Bereiche, meist kommerzielle Aufträge, in denen ich das Live-Bild der Kamera zwecks Einstellung auf einen externen Monitor übertrage.

Grundsätzlich jedoch, bei meinen Fotoreportagen, Essays und vor allem Portraitfotos, blicke ich nur selten auf das Display – und benötigte man es nicht für kamerainterne Konfigurationen, würde mir womöglich nicht einmal auffallen, wenn es fehlen oder defekt sein sollte.

Man könnte nun entgegnen: „Wer das Display nicht nutzen will, soll’s einfach lassen“. Das stimmt natürlich. Allerdings geht es mir weder darum, das Display zu verteufeln oder nostalgische Vorstellungen von Fotografie heraufbeschwören zu wollen, noch darum, eine ideale Arbeitsweise zu diktieren oder meine eigene zu glorifizieren. Vielmehr geht es um das Sehen. Es geht grundsätzlich immer nur um das Sehen. Man kann nicht sehen, wenn man unentwegt das Gesehene kontrolliert und bewertet.

Ich frage mich manchmal, was mich bei der unverzüglichen Bildkontrolle auf dem Display mehr erschrecken würde: ein Foto, das exakt der bei der Aufnahme vorgefundenen Realität entspricht – oder ein Foto, das gänzlich von dieser Realität abweicht, wohl wissend, dass die Frage, ob Fotografien überhaupt Realität zeigen können, eine uralte und müßig diskutierte Frage ist. In meiner Fotografie hingegen stellt sich mir immer eine andere, für mich wichtigere Frage: Was denn anstrebenswerter ist: Die „Realität“? Oder das Ferne und Fremde. Das Irreale. Die Störung.

Eine Antwort, die ich für mich formuliert habe, ist folgende: Anstrebenswert ist es, das nachhaltigste Gefühl für das Sujet zu vermitteln, das sich einem im Moment des (oftmals erstmaligen) Betrachtens offenbart hat. Das Geheimnis eines Ortes. Das Wesen einer portraitierten Person. Das Innerste des Lichts selbst.

Das klingt natürlich ganz nett, bleibt aber zugleich vage, bestenfalls nur eine alte Weisheit, ein frommes Streben, vergleichbar mit Henry Cartier Bressons Suche nach „dem entscheidenden Moment“.

„Mache sichtbar, was andere nicht sehen“ – das war der Slogan, den ich einige Zeit lang auf meiner Webseite verwendet habe – und noch immer verwende. Damit meine ich jedoch nicht, ich allein hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen oder könnte, wie der Hauptdarsteller im Film Sixth Sense, Dinge sehen, die andere Menschen nicht sehen können. Wobei Letzteres exakt stimmt.

Aber: Vielmehr halte ich dieses Zitat (wenn ich mich recht erinnere, vom US-amerikanischen Fotografen Joel Meyerowitz) für essentiell – und für einen der besten Ratschläge, den man Fotografen geben kann. „Mache sichtbar, was andere nicht sehen“ – ein Zitat, das mir in meiner fotografischen Entwicklung sehr geholfen hat. Weil es das Vertrauen in die eigene Sichtweise stärkt. Weil es den Charakter des Fotografen als Geschichtenerzähler hervorhebt. Und weil es betont, wie wichtig es für jeden einzelnen Fotografen ist, das zu fotografieren, was nur er sieht. Weil nur er es sehen kann.

Wenn ich also etwas fotografiert habe, das nur ich gesehen habe – ist es da wirklich von Belang, ob das Abgebildete gestochen scharf ist? Oder ob das Histogramm nach Lehrbuch verläuft? Sollte man nicht langsam wieder beginnen, das Kameradisplay, den König der Bildkontrolle, zu entmachten?
Dies ist kein Aufruf zur Vernachlässigung der handwerklichen Qualität eines Bildes. Ich sage nicht, Schärfe sei egal. Ganz im Gegenteil, das vollumfassende Begreifen und Beherrschen von Licht, Zeit, Blende und Filmempfindlichkeiten ist der Schlüssel zum Visualisieren des individuell Gesehenen, zum Sichtbarmachen dieses fast nicht greifbaren, diffusen Gefühls, das sich über das Sujet in den Verstand geschlichen hat.

Der Fotograf muss wieder handwerklich souverän werden. Muss zum Sehenden werden, nicht zum Kontrolleur des Gesehenen – um einen Bruchteil der Realität dieser Welt abzubilden und einen Bruchteil ihrer Fremdheit und Störung.





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